Unser Schlösschen

feiert dieses Jahr sein 100-jähriges Bestehen. Die Geschichte der Schule reicht jedoch noch viel weiter zurück …

 

Anmerkungen zur Schulgeschichte von Schulleiter Dr. Volker Seibel

Geschrieben zum Jubiläum 2002

450 Jahre Progymnasium Rosenfeld


Schon vor der Mitte des 16.Jahrhunderts erschienen Studenten aus Rosenfeld an deutschen Universitäten, es muss also damals schon eine Lateinschule in Rosenfeld gegeben haben. 1551 wird sie zum ersten Mal erwähnt. Lateinschulen in größeren Städten waren schon im 13. Jahrhundert entstanden, Balingen etwa hatte schon im Jahre 1277 einen „rector scolarum“. Längst hatten die Klosterschulen des Mittelalters, die damals eine Art Bildungsmonopol besaßen, Konkurrenz durch „weltliche“ Bildungsstätten bekommen. Das aufstrebende Bürgertum in den Städten, Händler, Kaufleute, Handwerker, benötigten für ihre berufliche Laufbahn zunehmend eine qualifizierte Ausbildung. Für die Verwaltung der vielen Territorialstaaten waren Juristen gefragt, und von Salerno in Italien ausgehend nahm auch die Bedeutung der Medizin an den Universitäten zu. Wie kam jedoch eine so kleine Stadt wie Rosenfeld so früh schon zu einer Lateinschule ?

Nun, die Bedeutung Rosenfelds im 16.Jahrhundert war gar nicht so gering: Rosenfeld war zu Beginn des 14.Jahrhunderts durch Kauf an Württemberg gekommen. Dieser Raum bildete damals die „Südflanke“ der Grafschaft Württemberg. Weil die Stadt damit strategisch wichtig und ihre Lage auf einem Bergsporn günstig war, wurde sie zu einer regelrechten Festung ausgebaut, mit doppelter Stadtmauer und stark befestigten Stadttoren. Darüber hinaus war Rosenfeld für diesen Raum der Verwaltungsmittelpunkt und war Sitz eines württembergischen Oberamts. Durch die Amtsverbundenheit hatte die Stadt viele Vorteile, Handwerker und die städtischen Märkte konnten sich eines festen und großen Kundenkreises erfreuen. Die Gewerbetreibenden in Rosenfeld waren damals geschäftlich recht erfolgreich, sie machten Stiftungen und müssen daher sehr begütert gewesen sein.

1534 war Graf Ulrich von Württemberg zum Protestantismus übergetreten und setzte die neue Konfession in seinem Herrschaftsbereich durch. Neue Theologen waren gefragt. Von Luther ging ein Impuls zu vermehrten Anstrengungen in Sachen Bildung aus. Auch das Bildungspotenzial der eher ländlichen Gebiete sollte zur Sicherung des theologischen Nachwuchses genutzt werden. Neue Lateinschulen wurden gegründet, bestehende wie die Rosenfelder nahmen einen Aufschwung. Rosenfeld blieb jedoch immer eine Partikularschule, d.h. es wurden im Wesentlichen nur die Grundlagen für die lateinische Sprache gelegt, zur weiteren Ausbildung gingen die Rosenfelder Schüler an weiterführende Schulen – wie heute noch.

Diese Rosenfelder Lateinschule hatte nie besonders hohe Schülerzahlen. „Aus Mangel an Lateinschülern wurde die Schule mehr und mehr eine deutsche, wie im Visitationsbericht 1603 ausdrücklich betont wird“ (Geschichte des humanistischen Schulwesens in Württemberg, Bd.3, S.243). Dennoch beschloss man 1687, den deutschen Schulmeister wieder durch einen lateinischen zu ersetzen.

Mitte des 18.Jahrhunderts ging aus der Rosenfelder Lateinschule der berühmteste Zögling hervor, der Mathematiker und Philosoph Georg Jonathan Holland. Er war Professor in Tübingen und fungierte als Erzieher und Berater des späteren ersten württembergischen Königs Friedrich, der in der napoleonischen Zeit das „moderne“ Württemberg organisierte.

Eine Schülerliste aus dem Stadtarchiv, der „Catalogus“ der Lateinschüler des Jahres 1783, weist gerade mal 13 Namen auf, die von einem „Praeceptor“ Koch unterrichtet wurden. Die berühmte Petition an den Rosenfelder Gemeinderat von 1860, in der die Errichtung eines Badebassins „gehorsamst“ erbeten wurde, unterzeichneten 19 Mitglieder der „hochachtungsvoll verharrenden Lateinerschaft“.

Groß war die Schule also nie, aber dennoch für die Bevölkerung ungemein wichtig. Die Kosten, die durch die Schule entstanden, wurden von der bürgerlichen Gemeinde immer bereitwillig getragen. Penibel sind im Stadtarchiv die Dokumente aufbewahrt, die etwa die Kosten für die „Visitationen“ belegen. In regelmäßigen Abständen erhielt die Schule hohen Besuch aus Tübingen, wie zum Beispiel am 17.Juni 1783, als ein Herr Professor Beck aus Tübingen die „hiesig lateinische Schul visitirt“ , also den Unterricht besucht und die Kenntnisse der Zöglinge überprüft hatte. Für diese damalige Tagesreise erhielt der Professor eine „Verehrung“, also ein Honorar in Höhe der für solche Visitationen üblichen 3 Gulden sowie 2 Gulden für 2 „Mahlzeiten“, während sich der „Postillon“ mit 2 „Imbiß“ zu jeweils 20 Kreuzern begnügen musste. Bei der Visitation anwesend waren außerdem der Oberamtmann, der Stadtpfarrer, der Stadtschreiber, der Heiligenvogt sowie der Bürgermeister, die alle ein „Tagegeld“, gestaffelt nach sozialem Rang natürlich, erhielten. Diese Liste der Teilnehmer bei den Visitationen beweist schon für sich allein, welche Bedeutung damals einer höheren Schule beigemessen wurde.

Geht man der Frage nach, weshalb die Lateinschule auch im Bewusstsein der Bevölkerung so tief verankert war, muss man auf eine damalige organisatorische Besonderheit zu sprechen kommen. Schulverwaltung ging im 19.Jahrhundert von Stuttgart aus, damals natürlich von der „königlich-württembergischen Ministerialabteilung für die höheren Schulen“. Erlasse wurden über die Oberämter an die Stadt weitergeleitet, und hier war eine so genannte „Studienkommission“ für die Schule verantwortlich. Ein bürgerliches Gremium, ähnlich wie der Gemeinderat in regelmäßigen Abständen gewählt, hatte sich um alle Einzelheiten des schulischen Alltags zu kümmern. Die „Studienkommission“ legte dem Gemeinderat beispielsweise Empfehlungen vor, wie der Turnplatz auf dem Wörd gestaltet werden sollte, wie hoch die Entlohnung des Zeichenlehrers der deutschen Schule, der auch an der Lateinschule unterrichtete, sein sollte, oder ob der Präzeptor einen neuen Ofen für seine Dienstwohnung bekommen könnte. Die Bürger interessierten sich so automatisch für ihre Schule, weil sie über diese Studienkommission ein hohes Maß an Mitbestimmunsmöglichkeiten besaßen.

Es war deshalb für die Rosenfelder Bürger keine leichte Entscheidung, die Lateinschule aufzugeben, nachdem im Jahr 1908 die Schülerzahl auf 4 Lateiner abgesunken war und der damalige Präzeptor den Schulort wechseln wollte. Für 4 Schüler war kein neuer Lehrer zu bekommen.

Die damals eingeführte Realschule und seit 1933 die Oberschule für Jungen konnte jedoch die Erinnerung an die Lateinschule in der Rosenfelder Bürgerschaft nicht verdrängen. Als in den 50er Jahren die Schülerzahlen anstiegen, wollte man in Rosenfeld an die Tradition der höheren Schule wieder anknüpfen. Die Rosenfelder Bürger, allen voran der Gemeinderat und Bürgermeister Engelfried an der Spitze, setzten alle Hebel in Bewegung, um eine höhere Schule in Rosenfeld wieder einrichten und erhalten zu können. Wichtige Fürsprecher waren damals Landrat Roemer und der Landtagsabgeordnete Gomringer. Schließlich wurde die Einrichtung eines vierklassigen Progymnasiums genehmigt, das im Lauf der Zeit auf 6 Klassen erweitert wurde. Dass diese Entscheidung richtig war, bewiesen die Folgejahre, als Ende der 70er Jahre in Rosenfeld bis zu 270 Schüler unterrichtet wurden. Alle Klassenstufen wurden zweizügig geführt. Nachdem Ende der 80er Jahre der Schülerberg zusehends abflachte, konnte nur noch eine Klasse pro Jahrgang gebildet werden.

Im neuen Schuljahr 2002/03 ist die Schule zum ersten Mal nach langer Zeit in Klasse 5 wieder zweizügig. Zu verdanken ist diese erfreuliche Tatsache der Entscheidung vieler Eltern im Raum Geislingen/Binsdorf/Erlaheim, ihre Kinder – einer alten Tradition folgend, denn immer wieder sind in den Schülerlisten Schüler aus Binsdorf und Erlaheim erwähnt – in die „kleine“ Schule, ins Progymnasium zu schicken. Aus dieser Situation heraus könnte wieder, nachdem es die „Seelsorge-Einheit Kleiner Heuberg“ ja schon gibt, die „Höhere Schul-Einheit Kleiner Heuberg“ entstehen. Würde es so weit kommen, bräuchte man sich um die Zukunft des Progymnasiums keine Sorgen zu machen, denn der Elternwille kann nicht einfach übergangen werden.

Von Herzen zu danken hat die Schulgemeinschaft Rosenfeld in diesem Jubiläumsjahr allen, die sich früher und heute für den Schulstandort Rosenfeld engagiert und diese kleine Schule erhalten und gefördert haben, insbesondere den vielen engagierten Eltern und Elternbeiräten, den Firmen des Kleinen Heubergs, den Gemeinderäten und der Stadtverwaltung, den Bürgermeistern und Abgeordneten sowie auch dem Oberschulamt Tübingen und dem Kultusministerium in Stuttgart!